Hallo hier ist meine Geschichte,
Seit ich denken kann, bin ich anders. Und alle um mich herum haben es mich spüren lassen. Schon im Kindergarten war ich das Kind, das nie so recht in die Gruppe passte. Ich war entweder zu still oder zu lebhaft, zu sensibel oder zu verträumt – jedenfalls immer irgendwie „falsch“. Die anderen Kinder bemerkten das sofort. Ich erinnere mich an Spiele auf dem Pausenhof, bei denen ich nie mitmachen durfte. Stattdessen stand ich oft am Rand und schaute zu, wie die anderen lachten, während in mir bereits damals etwas Dunkles wuchs.
In der Grundschule wurde dieses Anderssein zu meinem Stigma. Egal was ich tat, ich wurde zur Zielscheibe. Meine Mitschüler gaben mir Spitznamen, die weh taten. „Spinner“, riefen sie, oder „Psycho“, wenn ich versuchte, mich zurückzuziehen. Manchmal versteckten sie meine Schulsachen oder schubsten mich im Vorbeigehen so, dass ich stolperte. Jeden Morgen hatte ich einen Knoten im Bauch, wenn ich an das Schulgebäude dachte. Ich versuchte, unsichtbar zu sein, mich klein zu machen. Aber es half nichts – sie fanden immer einen Grund, mich zu quälen.
Über all die Jahre lernte ich, meine Tränen hinunterzuschlucken. Zu Hause fragte meine Mutter, warum ich so still sei. „Nichts, alles gut“, hörte ich mich antworten, während in mir längst nichts mehr gut war. Ich entwickelte eine tiefe Traurigkeit, die ich niemandem zeigte. Nach außen funktionierte ich weiter: Ich ging zur Schule, machte meine Hausaufgaben, zwang mich zu einem Lächeln, wenn es sein musste. Doch innerlich zog ich mich in eine eigene Welt zurück. In dieser Welt war ich sicher, aber auch schrecklich allein. Schon damals spürte ich die ersten Anzeichen einer Depression, doch ich wusste nicht, dass es dafür ein Wort gab.
Mit der Zeit kamen auch andere beängstigende Dinge hinzu. In stillen Momenten, spätabends in meinem Zimmer, hörte ich manchmal ein Flüstern. Es war, als würden Stimmen meinen Namen sagen oder gemeine Dinge, die sonst nur meine Peiniger sagten. „Du bist nichts wert“, raunte es in meinem Kopf, und ich zuckte zusammen. Ich erschrak vor mir selbst. Waren das meine eigenen Gedanken oder wurde ich verrückt? Ich erzählte niemandem davon. Wer hätte mir geglaubt? Also versuchte ich, diese Stimmen und dunklen Schatten in meinem Kopf zu ignorieren, so gut es ging. Am nächsten Tag setzte ich wieder meine Maske auf und ging in die Schule, als wäre nichts gewesen.
Als ich die Oberschule beendet hatte, hoffte ich auf einen Neuanfang. Ich begann eine Ausbildung und redete mir ein, dass jetzt alles besser würde. Neue Leute, ein Erwachsenwerden – vielleicht würde man mich nun akzeptieren. Doch diese Hoffnung zerplatzte schnell. Auch am Ausbildungsplatz gab es Kollegen, die schnell merkten, dass mit mir etwas „anders“ war. Das Mobbing ging weiter, nur auf andere Art. Es waren keine Kinderstreiche mehr, sondern boshafte Worte unter vermeintlich Erwachsenen. Hinter meinem Rücken tuschelten sie, und ab und zu bekam ich abfällige Kommentare direkt ins Gesicht. Mein Selbstwert, ohnehin schon am Boden, schrumpfte noch weiter. Jeden Morgen kämpfte ich gegen mich selbst, um überhaupt aufzustehen und hinzugehen.
In dieser Zeit versank ich endgültig in der Dunkelheit. Die Depression, die ich so lange versteckt hatte, legte sich wie Blei über meine Tage. Oft lag ich nach der Arbeit stundenlang apathisch auf dem Bett und starrte an die Decke. Die Stimmen in meinem Kopf wurden lauter, mischten sich unter meine eigenen Gedanken, so dass ich irgendwann nicht mehr wusste, was real war und was nicht. Ich fühlte mich wie ein Geist, der durchs eigene Leben schwebt, ohne wirklich da zu sein.
Aus Verzweiflung griff ich manchmal zum Alkohol, um das alles zu betäuben. Ein, zwei Bier am Abend, später auch Schnaps – für ein paar Stunden konnte ich damit die Qual ausschalten, dachte ich.
Doch am nächsten Morgen war alles noch schlimmer: Kopfschmerz und Scham kamen zu den seelischen Schmerzen hinzu. Ich merkte, dass ich dabei war, mich völlig zu verlieren.
Eines Tages, es war ein grauer, verregneter Herbstabend nach einem besonders demütigenden Vorfall im Betrieb, konnte ich einfach nicht mehr. Ich stand auf einer Brücke und starrte ins dunkle Wasser unter mir. Der Wind pfiff eisig, und in mir tobte ein Sturm aus Verzweiflung. Ein Teil von mir wollte einfach springen, verschwinden, nicht mehr fühlen. Meine Gedanken überschlugen sich, und die Stimmen in meinem Kopf waren unerträglich laut: „Mach endlich Schluss, niemand braucht dich.“
Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, doch zum Glück fand mich jemand rechtzeitig. Ein Passant hielt an und sprach mich an, vorsichtig und freundlich. In diesem Moment brach etwas in mir und ich begann zu weinen – all die Jahre aufgestauter Schmerz strömte heraus. Der Fremde alarmierte einen Rettungswagen. Es ging alles ganz schnell, und plötzlich fand ich mich auf der psychiatrischen Station im Klinikum Bremen-Ost wieder.
Die ersten Tage dort verschwimmen in meiner Erinnerung wie in einem Traum. Ich war erschöpft, leer und hatte das Gefühl, versagt zu haben – nun war ich offiziell „verrückt“, dachte ich.
Doch gleichzeitig spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Erleichterung. Ich musste nicht mehr stark sein, nicht mehr so tun als wäre alles in Ordnung. In der Klinik kümmerte man sich um mich. Ärzte und Pfleger hörten mir zu, wirklich zu. Zum ersten Mal fragte mich jemand: „Was haben Sie erlebt? Wie fühlen Sie sich?“ Und ich konnte ehrlich antworten. Ich stammelte mir meine Geschichte zusammen, erst stockend, dann immer flüssiger, als würde ein Damm brechen. Da saß jemand, der nicht schockiert wegsah, sondern Verständnis zeigte. Allein das Zuhören war wie Balsam auf meinen Wunden.
In den folgenden Wochen begann langsam ein Aufstieg aus dem tiefen Loch. Ich bekam Medikamente gegen die Depression und die aufdringlichen Stimmen in meinem Kopf. Anfangs war ich skeptisch – Tabletten nahm ich nie gern, aus Angst, davon abhängig zu werden oder mich noch fremder zu fühlen. Aber die Medikamente halfen tatsächlich. Das Brüten und Grübeln wurde weniger, die Stimmen wurden leiser, erträglicher. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten konnte ich ein Buch lesen, ohne dass meine Gedanken ständig abschweiften in dunkle Kreise.
Noch wichtiger waren jedoch die Menschen um mich herum. In der Klinik traf ich auf andere junge Leute, die ebenfalls Schlimmes durchgemacht hatten. In der Gruppentherapie saßen wir zuerst schweigend nebeneinander, jeder mit seinem Schmerz. Doch nach und nach tauten wir auf. Ich hörte zu, wie die anderen erzählten – von Angststörungen, Essproblemen, von Traumata. Mir wurde klar, dass ich nicht allein war mit meiner inneren Not. Und irgendwann sprach auch ich. Zum ersten Mal fand ich Worte für Dinge, die ich zuvor tief in mir vergraben hatte. Es tat unbeschreiblich gut, diese Last zu teilen und in verständnisvolle Gesichter zu blicken, anstatt in spöttische oder genervte.
Die Therapeuten gaben uns Werkzeuge an die Hand, um mit unseren Gefühlen umzugehen. Ich lernte, Warnsignale bei mir selbst zu erkennen – wenn die dunklen Gedanken wiederkamen oder wenn die innere Stimme mir einflüstern wollte, ich sei wertlos. In solchen Momenten sollte ich nicht weglaufen oder mich betäuben, sondern Hilfe suchen oder zumindest bewusst gegensteuern. Ich schrieb viel auf – seitenweise füllte ich ein Tagebuch mit meinen Gedanken, weil es leichter fiel, dem Papier alles anzuvertrauen. Eine Therapeutin zeigte mir Atemübungen gegen die Angst und wie ich mich mit Musik beruhigen konnte, wenn innerlich wieder Chaos herrschte.
Nach einigen Monaten stationärer Therapie fühlte ich mich wie ein anderer Mensch – nein, eigentlich zum ersten Mal wie ich selbst, ohne dauernd Maske zu tragen. Der Tag der Entlassung aus Bremen-Ost war aufregend, aber auch beängstigend. Zum Glück war das nächste Netz schon gespannt: Ich bekam einen Platz in einer Tagesklinik, um den Übergang in den Alltag zu schaffen. Jeden Morgen fuhr ich dorthin, verbrachte den Tag in Therapien und kleinen Übungsaufgaben fürs Leben, und am Nachmittag ging ich nach Hause. Dieses Modell half mir ungemein. Schritt für Schritt gewöhnte ich mich wieder an ein „normales“ Leben außerhalb der geschützten Klinikmauern, jedoch weiterhin mit Unterstützung. In der Tagesklinik sprachen wir viel darüber, wie wir uns eine Zukunft vorstellen, wie wir mit Stress umgehen können, ohne zurück in alte Muster zu fallen. Ich übte, kleine Aufgaben alleine zu bewältigen – vom Einkaufen, ohne Panik im Supermarkt zu bekommen, bis zum Telefonat mit Fremden, wovor ich früher schreckliches Lampenfieber hatte.
Im Anschluss an die Tagesklinik bekam ich die Möglichkeit, in der ARCHE-Klinik weiter an mir zu arbeiten. Die ARCHE-Klinik ist ein spezielles Krankenhaus für junge Menschen mit psychischen Problemen, und schon der Name „Arche“ – wie ein rettendes Schiff – gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Dort hatte ich regelmäßige Gespräche mit Psychologen, und wir vertieften das, was ich schon gelernt hatte. Ich erinnere mich an einen Moment, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: Ein Therapeut sagte zu mir: „Du bist nicht ‘verrückt’ – du bist verletzt. Und Verletzungen können heilen.“ Diesen Satz habe ich mir tief eingeprägt. Er hat etwas in mir verändert. Zum ersten Mal sah ich meine Seele nicht mehr als defekt an, sondern als verwundet. Und Wunden kann man versorgen, bis sie nach und nach heilen.
In der ARCHE-Klinik wurde schließlich auch eine klare Diagnose gestellt. Es war herausfordernd, das zu akzeptieren – das Wort „Schizophrenie“ machte mir Angst, denn man hört so viel Schlimmes darüber. Gleichzeitig war es eine Erleichterung, endlich zu wissen, womit ich es zu tun hatte. Man erklärte mir, dass meine Depression und die psychotischen Symptome Teil einer Erkrankung seien, für die es Behandlungsmöglichkeiten gibt. Endlich hatte das Kind einen Namen, und ich konnte lernen, damit umzugehen. Mit der richtigen Therapie und den Medikamenten, die wir fein einstellten, stabilisierte sich mein Zustand deutlich. Die Stimmen wurden auf ein kaum hörbares Flüstern reduziert und manchmal verschwanden sie ganz. Meine Stimmung hellte sich Stück für Stück auf, als ob nach einem langen Winter endlich der Frühling in Sicht war.
Heute, einige Zeit nach meiner Entlassung aus der ARCHE-Klinik, blicke ich mit Staunen und Dankbarkeit auf meinen Weg zurück. Hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich einmal hier stehen würde – stabil, hoffnungsvoll und mit einem Lächeln, das von Herzen kommt – ich hätte es nicht geglaubt. Mein Leben ist nicht plötzlich perfekt, und es gibt immer noch Tage, an denen die alten Schatten anklopfen. Aber jetzt habe ich Strategien, Freunde und Fachleute an meiner Seite, um damit umzugehen. Ich weiß jetzt, dass ich Hilfe annehmen darf und dass niemand allein durch so etwas durchgehen muss.
Manchmal frage ich mich, was aus dem kleinen Kind von damals geworden ist, dem unsicheren Teenager, der verzweifelten jungen Auszubildenden. Sie alle leben noch in mir, als Teil meiner Geschichte. Aber ich habe Frieden mit ihnen geschlossen. Aus meinen Erfahrungen schöpfe ich heute Stärke. Ich engagiere mich in einer Selbsthilfegruppe und scheue mich nicht mehr, offen über das zu sprechen, was ich durchlebt habe. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen Ähnliches erlebt haben – und wie sehr es ihnen hilft, wenn jemand den ersten Schritt wagt und darüber redet.
Mein Weg aus der Dunkelheit war lang und schmerzhaft, aber er hat mich an einen Ort geführt, den ich nie für möglich gehalten hätte: zurück ins Leben.
Falls du das hier liest und dich vielleicht in meinen Zeilen wiedererkennst, möchte ich dir sagen: Gib nicht auf. Du bist nicht falsch, du bist nicht allein. Es gibt Menschen, die dir helfen wollen, und es gibt Angebote, die wirklich etwas bewirken können – von Therapien über Kliniken bis zu Selbsthilfegruppen. Ich weiß, es kostet unendliche Überwindung, den ersten Schritt zu machen und um Hilfe zu bitten. Aber es lohnt sich so sehr.
Auch wenn du jetzt gerade nur Dunkelheit siehst – glaube mir, irgendwo dort draußen wartet ein Licht auf dich. Und eines Tages wirst auch du zurückblicken und stolz sein, dass du weitergegangen bist. Aus tiefstem Herzen: Es gibt immer Hoffnung, und du verdienst jedes bisschen davon.
Nun Kämpfe ich an meiner Existenz, und ich will dagegen vorgehen. Ich bekomme 550 Euro netto und lebe am Minimum meines Lebens und kann es nicht ändern da ich sehr eingeschränkt bin und energielos bin und kaum kraft habe. Ich mache den Aufruf um was zu bewirken und um es zu ändern!
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