Ich bin Catharina und schreibe diesen Text für meine Mama und für mich. Denn ihr Schicksal ist mit dem meinen verbunden.
Ich hätte diese Zeilen nie von mir aus geschrieben. Ich bin es gewohnt die Dinge alleine zu regeln und optimistisch davon auszugehen,dass ich das auch hinbekomme. Ich habe keine Geschwister und auch keinen Vater, auf dessen Rückendeckung ich hoffen kann. Es ist unglaublich schwer zu sagen: "Ich brauche Hilfe, ich schaffe das nicht alleine."
Dank der Unterstützung meiner wundervollen Kolleginnen und Kollegen, die mehr Herz und Mumm haben, als manch andere, sind diese Zeilen (für mich eine Offenbarung) entstanden.
Nach zermürbenden Jahren der Diagnosefindung und nachdem sie ihre eigene Mutter, meine Großmama, bis zu ihrem Tod zu Hause begleitet hatte,erhielt meine nun 64-jährige Mutter vor kurzem die Schreckensnachricht:
ALS.
Dies ist eine schwere, unheilbare neurologische Erkrankung, die definitiv tödlich verläuft. Bevor es dazu kommt, versagt nach und nach die Muskulatur. Nicht nur das Gehen wird bald eingeschränkt bis unmöglich,sondern auch das Sprechen, das Schlucken und oft zum Schluss kapituliert die Atemmuskulatur.
Als wäre das noch nicht genug, hat diese Erkankung bei meiner Mutter eine Demenz mit im Gepäck, die nicht etwa die Gedächtnisleistung vermindert, sondern nach und nach die Persönlichkeit verändert und das emotionale Erleben einschränkt.
Ich muss mich also, von meiner einst so lebenslustigen, kontaktfreudigen und einfühlsamen Mama, Schritt für Schritt verabschieden.
2021 bin ich in mein Elternhaus zurückgekehrt, was ich eigentlich nie erwartet hätte.
Aber dann bekam ich mit 37Jahren die Diagnose Brustkrebs und es war mir,als hätte sich um mich ein Vakuum geschlossen. Als sei ich plötzlich in einem Paralleluniversum gelandet. Ich konnte alle anderen Menschen in ihrem alltäglichen Leben betrachten aber es schien mir,als könne ich auf nichts mehr zugreifen. Weder auf mich, noch auf irgendetwas.
Plötzlich war jegliche Perspektive in unerreichbare Ferne gerückt.
Meine Perspektive bestand aus Hier und Jetzt und der Chemotherapie. Erst viel später erkannte ich, dass es immer nur das Hier und Jetzt gibt und dass es das Kostbarste ist was wir haben.
Fast..
Heimat und Zugehörigkeit.
Meine Mutter nahm mich auf und obschon ihre Kraft dort bereits nicht mal für sie selbst reichte, tat sie alles, um für mich zu sorgen.
Ein Band zwischen Mutter und Tochter, was keine Worte benötigt.
Und trotzdem gab es viel Unsicherheit. Der Zustand meiner Mutter verschlechterte sich zunehmend. Und niemand hatte Antworten.
Da sie durch einen Unfall Frührentnerin geworden ist, stand bisweilen nur diese Rente zur Verfügung,um die Kosten rund um das alte Haus zu decken. Ich fiel aus und hatte nur mein Krankengeld. Es durfte also nichts zusätzlich anfallen.
Ich durchlebte,wie viele andere Menschen, den "Chemo-Nebel" und irgendwann wurde aus ganz kleinen Schritten, der Weg zurück in einen Arbeitsalltag, der mir unglaublich viel bedeutet und für den ich sehr dankbar bin.
Trotzdem ... es gibt wohl nichts Frustrierenderes als den eigenen Erwartungsdruck.
Es dauert immer noch an zu akzeptieren, dass der Körper seine eigene Regenerationszeit hat. Immer wieder habe ich z.B. mit starker Erschöpfung zu kämpfen. Voll zu arbeiten ist derzeit also undenkbar und dann sind da noch das alte Haus und Mama.
Wir haben darüber nachgedacht das Haus,was meine Großeltern gebaut haben zu verkaufen, da die wohl bald anstehende Pflegesituation unsere finanziellen Ressourcen übersteigen wird. Vielleicht wird dieser Schritt irgendwann unvermeidbar sein aber ich habe in dieser ganzen Zeit gelernt, dass es sich lohnt für das zu kämpfen was das Herz berührt. Und auch was die Kostbarkeit der freien Entscheidung, der Wahlmöglichkeit bedeutet! Was Heimat, Perspektive und was Wurzeln bedeuten.
Die Perspektive meiner Mutter ist zwar gewiss aber ich wünsche mir, dass sie so lange es möglich ist, diese Zeit mit den Dingen verbringen kann, die sie liebt. In dem von ihr gestalteten, wunderschönen Garten, in ihren 4 Wänden, zusammen mit ihren Katzen und mir.
Es gab eine Zeit, in der ich weit weg wollte und auf der Suche war, nur um jetzt zu begreifen,dass der Ort an dem ich mich verwurzelt und wohlfühle, mein Elternhaus ist. Mein Zuhause gehört zu den Säulen, die meinem Leben Stabilität geben.
Wir können nicht in die Zukunft sehen aber ich wünsche mir, dass diese Gutes bereithält!
Ich bin glücklich über jeden Trittstein, den ich heute legen kann.
Deshalb freuen meine Mutter und ich uns von ganzem Herzen über jeden einzelnen Stein, der uns geschenkt wird, damit wir vielleicht auch morgen noch sicher stehen können!!!