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Inklusion, Fortschritt und freie Kunst


Als ich das erste Mal von einem „Growd Funding“ gehört hatte, konnte ich mit diesen beiden Vokabeln nicht viel anfangen. 

A. sagte: „Kennst du das, hast du davon schon einmal gehört? 

informiere dich einmal, es könnte dir helfen, ein Ausweg, eine Aussicht, eine andere Zukunft.“

Da war der Diebstahl meiner Kamera schon über 12 Monate her. 

Die alte Canon verrichtete da noch eine ganze weile ihren Dienst und sie machte noch immer ihre so wie die 8 Jahre zuvor. 

ele...“, so sagte es x einmal, „Seele geht nicht verloren, High End oder Ritsch-Ratsch, wenn das Auge stimmt, der Blick, das Gefühl, ist alles schon erreicht.“ 

Natürlich hatte sie Recht und zu keiner Zeit verhalf eine noch so moderne Kamera dem Fotografen, dem Bildermacher zu besseren Fotografien. 

OK.

 

Seit 3 Monaten bin ich nun auf etwas zurück geworfen, das ich mir in dieser unserer Gesellschaft nie hätte vorstellen können, nie habe vor-stellen müssen. 

 


Etwas ging zu Bruch, etwas ging verloren, wollte modernisiert sein und gemeinhin waren wir allesamt im großen Ganzen genau darauf vorbereitet. 

 

Ich wusste im Januar 2020, dass ich etwas Neues, eine neue Etappe beginnen wollte, eine nun fortentwickelte Phase meiner Fotografie. 

 


Ich wollte sie beginnen mit einer neuen Kamera. 

So sah er aus der plan vor 14 Monaten. 

Ich hatte lange gespart und dann war die Kamera, eine Nikon 850 weg, oder anders: sie hatte mich nie erreicht, bezahlt und nie erhalten. 

Ebay Deutschland. eine falsche Identität. Identitätsbetrug. aus. 

Die Kripo Hamburg hatte 14 Monate ermittelt und am Ende ihre Ermittlungen eingestellt.  

„Herr z., es ist aussichtslos, wir konnten keine Täter ermitteln, die Spur verliert sich bei einer Bank in der Türkei, der Täter möglicherweise wohnhaft in den osteuropäischen Ländern, Litauen.“ 

 

Das war ein irgendwie taubes Gefühl. 

Ich hatte lange für die Kamera gespart.

 


Ich bin schwerbehindert und leide an einer symptomatischen Epilepsie, sowie „anterograder Amnesie.“ 

Ein Aneurysma, eine Hirnblutung, ein Koma. 

 

15.09.193, Dresen, ein Nachmittag.

 


Das ist fast 27 Jahre und 8 Monate her. 

 


Ich fotografiere seit 2010. 

 


Jedes Jahr Schritte, kleine, sehr kleine Schritte und alles immer wieder neu und immer wieder von vorne. 

Wie geht die Kamera an? 

 


Was ist das für ein Schalter? 

 


Was muss ich jetzt tun, was habe ich gerade eben getan? 

 


Warum ist das Foto so dunkel, so hell, unscharf, warum geht die Kamera jetzt nicht an? 

 


Belichtungskorrektur, Schärfe, Kontrast, Farbe, Fotopapier, Farbkorrektur, 

 


Und jeden Tag Fehler und jeden Tag kleinste Fortschritte. 

 


So wie seit 27 Jahren. 

 


September 1993, der 15te Tag, ein Vormittag, eine Stunde, ein Augenblick - aus. 

 


Aneurysmablutung!

 


So schnell konnte das gehen, oder so von jetzt auf gleich. 

 


Die Semesterferien waren da gerade vorbei.

 


Dann war S. da, die in Dresden studierte, und ich fuhr noch für eine Woche mit.

 


Es gab da keinen Plan und es gab kein Verhalten, dass mich davor hätte bewahren, davor hätte schützen können.

 


Und nur einen einzigen Wimpernschlag zuvor weißt du nichts. 

 


Du bist gesund, bist dynamisch, hast Ziele, erklimmst Berge, rennst, fliegst, fährst und bewegst dich durch deine große, kleine Welt.

 


Du entdeckst Flüsse, Seen, Meere, Inseln, Berge und Täler und malst dir während dem dein Leben aus. 

 


Jeder hatte das seine und so vieles wart immer wieder neu und aufregend und „möglich“. 

 


Krankheit, Unfall, Schicksal, ein solches gehörte nicht hinzu. 

 


Im januar ´94 verließ ich das Krankenhaus in Bremen links der Weser, brachte die erste Reha hinter mich, dann eine zweite von Januar bis Ende März ´97 in Bad Soden-Allendorf.

Kurzum - im August ´97, nach 3 Jahren und 8 Monaten, das erste Mal alleine Leben.

In Berlin, nicht in Hamburg, der Stadt in der ich bis zu diesem Ereignis studiert hatte, sondern Leben im „wilden Berlin!“ 

Kurzeitgedächtnis und dann wieder zurück nach Hamburg? 

Alles wäre immerzu halb und halb gewesen, aber in Berlin war von Beginn an alles komplett neu. 

 

Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee, Erich-Weinert-Strasse.

 


Berlin war Schreiben, war Dichtung und Wahheit und die Suche nach dem richtigen Weg. 

Hinunter in den Hof, den Hof durchquert, ins Vorderhaus, durch die Tür und dann links und vor bis zur Schönhauser.

Dann wieder links und geradeaus, immer weiter bis zur Eberswalder, dann weiter und weiter und nach einem Jahr schaffte ich den Weg bis zum Alex. 

 


Das hört sich jetzt sicher seltsam an, aber ich verlor alle Bilder, die ich aber gar nicht verlieren wollte, - ich verlor sie dennoch.

 


Am schwersten ist das Bildergedächtnis betroffen.

 


Die Bilder verliere ich bis heute.

 

An Fotografie hatte ich in Berlin aber nie gedacht, nicht einen einzigen Tag.

Ich wollte schreiben und ein neues altes leben entdecken. 

Dichtung und Wahrheit – August `97 bis Juli 04. 

Einen Atemzug nur, ich stieg aus dem Zug und ward wieder in Hamburg. 

Jeder kennt das oder viele. 

 

Es gibt Entscheidungen, die werden getroffen, weil sie getroffen werden müssen, weil sich ein Leben mitunter so entwickelt, also auch so unge-plant und unergründlich uneinsichtig. 

 


Alles geschah damals aus einer seltsamen Lauen heraus und als ich nach der ersten Nacht in Hamburg die Augen aufschlug, begriff ich, dass das ein sehr großer Fehler gewesen war, obgleich ich das erst Jahre später mir selbst so eingestehen konnte, weil nämlich diese Realität, weil sie erst Jahre später eine solche geworden war. 

Ja, ich habe Berlin verlassen, ja, ich habe eine Dummheit gemacht! 

 


Ein Kurzschloss, ein Blackout, nur dann konnte ich nicht mehr zurück. 

 


In Berlin hatte ich nach 14 Monaten im Herbst `98 die pädagogische Unterstützung gekündigt, weil ich allein weiter kommen wollte, ohne Hilfe und weil ich es spüren wollte dieses behinderte Leben ohne Unter-stützung, weil ich lernen wollte, weil ich auf meine Weise lernen wollte. 

Unlogisch, chaotisch, stoisch, individuell und hier und da auch dumm. 

 

Nur ich hab vieles, sehr vieles gelernt und lerne bis heute, bis in diesen Augenblick. 

Ich weiß, ohne diese Behinderung wäre ich nicht der, der ich heute bin, ohne das so genannte Leben zuvor, vor all dem, vor dem 15 September 1993 nicht der, der ich doch immer sein wollte. 

 

Paradox, ja sicher. 

 


Du kannst es Schicksal nennen oder Fügung, ich nenne es immer wieder auch ein „großes Glück!“ 

 


Ich mochte meine Bilder lange nicht, mochte sie wirklich nicht. 

 


Ich verlor eine Kamera, es folgte eine zweite, eine spende, und die ging mir zu Bruch. 

 

Dann kam die Canon 5 d Mark II, ein Geschenk aus der Familie.

 

Mit ihr fotografierte ich insgesamt 8 Jahre. 

Sie ist nun kaputt. 

Vor mir liegen diverse Fotografien aus den letzten 3 Jahren.

 

Ich fange langsam an, meine Fotografien zu mögen.

Schmiss ich doch lieber 20 Fotos weg, als das ich eines behielt. 

Nur wenn du vergisst, wenn du deine Alltage, die Stunden, die Augenblicke, wenn du deine Erinnerung verlierst an das „gerade eben“, an das „von vor einer stunde, von vor einem Tag“, dann gibt es zu ver-unglückten Fotografien nachvollziehbar überhaupt gar keine alternative. 

das tut manches mal weh, das tut es bis in diese stunde, aber alles in allem bin ich glücklich mit der Entwicklung. 

Wenn von 20 aufnahmen nur eine einzige glückt, war das die 19 verunglückten zuvor allemal wert.

Aber das kennen sicher viele in ihrer künstlerischen Entwicklung, ob man sich behindert oder ob man sich nichtbehindert seiner künstlerischen Arbeit widmet. 

Kommen wir doch alle aus der gleichen Richtung und haben wir doch alle gemeinsam den gleichen Weg. - so irgendwie. 

 

OK. ich habe mir ein Spendenziel gesetzt, ein letztes Werkzeug, 2 Festbrennweiten, ein Blitzgeräz und dann Fotografieren bis zum Schluß?

Ja, so irgendwie.

 

ach so, fragt mir löcher in en bauch, bevor ihr etwas spendet. ich beantworte sehr gerne alle fragen. beste grüße von der elbe, bei hamburg...

 

anbei ein paar gedichte Gedichte. eine weitere seite meiner. ein ziel, dass ich noch erreichen möchte, beides zusammen zu bringen. Fotografie und Poetik.

:

vieles eben (2020)

es ist duster im dämmernden eck

wo deine lichten worte jetzt hausen

scharf geschlagenes schweigen

quer huschende blicke

still versonnenes blinzeln

und die frage, ob ich noch wirklich bin

plötzlich aufsteigende wärme

der süsse duft deiner weichen haut

zeitfragen auch

ausrufungszeichen 

keine komma mehr

weltengeschichte nur

aufregend banal

nach wie vor kunterbund

vieles eben

wie du

 

 

das lachen der claqueure (2017)

dreiklang schritte ins freie

denken dass du wiederkehrst

 

unverhofft blühende fragen

nach dem licht die dunkelheit

 

nach der liebe samtener schlaf

die süße wut auf´s schale leben

 

die wiederholung auf dem trottoir

paris im dämmer

 

eine erste zeile an dich

nach der ersten nacht

 

die zeitenwende

die wut unter meinen füßen

 

dein flüstern in meinem kopf

das lachen der claqueure

 

das donnern der karteschen

die macht der gewohnheit

 

das ende einfach so

 

 

nie hier nie dort (2017)

es gibt keinen doppelten boden

mehr

 

den gab es nie

auch nicht im zweiten satz

 

blieb mir die essenz

dass das liebe war

 

im ersten moment aber

glaubte ich noch

 

später dann nur mühe und missverständnis

sprachloses atmen, linguistische kniffe

 

grammatikalische fallen

zeitfehler

 

ich war du bist

nie hier nie dort

 

ein fabelwesen vielleicht

aus einen frühen traum

 

dass deinen namen trug

 

 

 

 

 



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